Georg Heym: Der Wald
Aus grüner Waldnacht ruft Gegurr der Tauben
Bald nah bald fern. Der Sonne Lichter irren
Ins Blätterdunkel. Kleine Vögel schwirren
Durch das Geranke und die Hopfentrauben.
Die großen Spinnen wohnen in dem Farne.
Voll blauen Scheines glänzt ihr Netz wie Tau.
Sie gleiten schnell auf ihrem schwanken Bau,
Und weben enger ihre weißen Garne.
Ein hohler Baum, vom Donner einst gespaltet
Vergeßner Zeit. Doch grünt noch sein Geäst.
Im Laube wohnt ein Schwan, der auf das Nest
Den schwarzen Mantel seiner Schwingen faltet.
Der alte Waldgott schläft im hohlen Baum.
Die Flöte graut von Moos, die ihm entsank.
In seiner Hand verflog der dünne Trank
Der kleinen Rehe in dem langen Traum.
Linda Perthen: Strangeland
Experimentalfilm (1:52 Min.) 2011
Martin Bernhardt: Was keiner weiß
Wie Gras sein
wie Grenzen der Grünen Gewalten
Werf mir deine Hand zu Wald
Nehme mich auf
in wallende Wogen
Verwurzel die grünen Gewölbe
Wir werden wieder wissen
woher der Wind weht
in den wir uns nicht wenden
Widerwärtig was ihr da redet
Welcher Verlockung
wollt ihr mich entwenden
wenig was ihr noch erwartet
Ich aber wohne in wirklichen Welten
Was da welk war
wird sich wohlig verwachsen
Wie wunderbar diese Wende
weil es Wunder gibt
Wie Wald
Sjón: Liebe F.
Video von Theódór Sölvi und Anna María
Achim von Arnim: Auf den Tod des Malers Otto Runge
am 2. Dezember 1810
Die Tage werden kurz, die Nächte lang,
Die kranke Erd‘ erträgt nicht mehr die Lust,
Da flammt der Baum im Herbst sich unbewußt
Mit rotem Blatt – uns ward vom Wunder bang!
Weil dunkle Zeit mit diesem Glanze rang,
So kreist der Saft in sich, wird sich bewußt,
Sein neues Licht verengt ihm Herz und Brust,
Er schaut‘s im Strom, der ihn dann bald verschlang.
Er schaut, wie durch der Blätter Farbentor
Der Regenstrom des Herbstes siegend zieht
Und seufzet mit in seinem Todeschor:
»Wer sich erkannt, der hat hier ausgeblüht,
Lebt einst in Früchten, die er jetzt verlor;
Einst lebt die Kunst, die euch mein Tod erriet.«
Walter Crane: The Horses of Neptune
Oskar Kanehl: Am Strande
Wir liegen nackt und lassen uns besonnen.
Durch einen Mückenschwarm, wie feines Maschennetz gesponnen,
Flutet auf uns der Blendstrom alles Sonnenlichts
und drückt die Augen zu. Wir wollen nichts,
wir lassen das Gehirn uns kochen,
weil wir gehungert haben, lange Wochen.
Vom stillen Meer her, eintönig wie Gebet,
kommt Kühle fächelnd leiser Wind geweht.
Und neben uns liegt Zarathustra, ungelesen;
Wir lesen nicht, wir Übermenschenwesen,
und lassen Leben mit der vollen Hand.
Wir denken nichts, wir fühlen nur:
Wir sind ein Stück Natur
und nichts als Leiber auf dem heißen Sand.
Kurt Tucholsky: Provinz
Wenn man eine Weile durch die Provinz trudelt, gerinnen bald die äußern Eindrücke zu einem bunten Knäuel, dessen Fäden immer wiederkommen: immer wieder ein Bahnhof, der aussieht wie eine gewaltige Stahlfabrik oder eine riesige Festung aus Stein; die Franzosen, deren Bahnhöfe Örtlichkeiten sind, die sie rasch durchschreiten, können sich gar nicht darüber beruhigen, was die Deutschen mit ihren Bahnhöfen treiben ... aber da sind sie nicht ganz im Recht – zu tadeln ist nur, was auf den deutschen Bahnhöfen fehlt: nämlich eine Apotheke und ein Postamt und ein Geschäft, das kleine Reparaturen an Koffern ausführt ... weil wir sonst keine Sorgen haben. >>weiter
Hermann Plagge: Der Student
Vom dumpfen Hieb auf Teppich und Matratze
erwacht er -- faulen Biergeschmack im Munde --
und sieht verschlafen fast die Mittagsstunde,
zehn Narben glühn ihm auf zerschlagner Fratze.
Er müht sich aus den Kissen mit gequäle,
die Wirtin bringt den Kaffee, dünn, verbittert,
die Nägel sind von altem Dreck zerknittert,
ein Brechreiz steigt ihm elend in die Kehle.
An Wänden hängen Drucke -- Ansichtskarten --
verblaßte Bänder und zerschlißne Mützen,
ein Schlägerpaar ist müd von Terz und Quarten.
Am Schreibtisch trocknen ein paar Tintenpfützen,
dort lügt er auf geliehenen alten Schwarten
Briefe an Braut und elterliche Stützen.