Di

13

Jul

2010

Oskar Kanehl: Am Strande

Wir liegen nackt und lassen uns besonnen.

Durch einen Mückenschwarm, wie feines Maschennetz gesponnen,
Flutet auf uns der Blendstrom alles Sonnenlichts
und drückt die Augen zu. Wir wollen nichts,
wir lassen das Gehirn uns kochen,
weil wir gehungert haben, lange Wochen.
Vom stillen Meer her, eintönig wie Gebet,
kommt Kühle fächelnd leiser Wind geweht.
Und neben uns liegt Zarathustra, ungelesen;
Wir lesen nicht, wir Übermenschenwesen,
und lassen Leben mit der vollen Hand.
Wir denken nichts, wir fühlen nur:
Wir sind ein Stück Natur
und nichts als Leiber auf dem heißen Sand.

In: „Lyrische Anthologie“, Verlag Die Aktion, 1913, Nr. 27
Wiecker Bote, 1913, Heft 1

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Sa

19

Jun

2010

Kurt Tucholsky: Provinz

Wenn man eine Weile durch die Provinz trudelt, gerinnen bald die äußern Eindrücke zu einem bunten Knäuel, dessen Fäden immer wiederkommen: immer wieder ein Bahnhof, der aussieht wie eine gewaltige Stahlfabrik oder eine riesige Festung aus Stein; die Franzosen, deren Bahnhöfe Örtlichkeiten sind, die sie rasch durchschreiten, können sich gar nicht darüber beruhigen, was die Deutschen mit ihren Bahnhöfen treiben ... aber da sind sie nicht ganz im Recht – zu tadeln ist nur, was auf den deutschen Bahnhöfen fehlt: nämlich eine Apotheke und ein Postamt und ein Geschäft, das kleine Reparaturen an Koffern ausführt ... weil wir sonst keine Sorgen haben.

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Fr

15

Jan

2010

Hermann Plagge: Der Student

Vom dumpfen Hieb auf Teppich und Matratze

erwacht er -- faulen Biergeschmack im Munde --

und sieht verschlafen fast die Mittagsstunde,

zehn Narben glühn ihm auf zerschlagner Fratze.

 

Er müht sich aus den Kissen mit gequäle,

die Wirtin bringt den Kaffee, dünn, verbittert,

die Nägel sind von altem Dreck zerknittert,

ein Brechreiz steigt ihm elend in die Kehle.

 

An Wänden hängen Drucke -- Ansichtskarten --

verblaßte Bänder und zerschlißne Mützen,

ein Schlägerpaar ist müd von Terz und Quarten.

 

Am Schreibtisch trocknen ein paar Tintenpfützen,

dort lügt er auf geliehenen alten Schwarten

Briefe an Braut und elterliche Stützen.

 

Wiecker Bote, 7. Heft, März 1914

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Sa

09

Jan

2010

Kein Ende. Kein Anfang.

Gibt es den Wiecker Boten noch? Gab es ihn einmal?

 

Im letzten Jahr hat er sich jedenfalls rar gemacht, aus verschiedenen Gründen. Dass wir jetzt ein neues Jahr haben, bedeutet noch lange nicht, dass diese Gründe entfallen wären. Aber solange wir den Wiecker Boten nicht eingestellt haben, gibt es den Wiecker Boten noch. Und wir denken nicht daran, ihn einzustellen.

 

Vorläufig wird es an dieser Stelle ab und zu ein Lebenszeichen geben. Vielleicht hört es ja jemand.

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