Die Dinge Schreien
Du weißer Knabe
Du weißer Knabe, den der Unbekannte.
Der Gnadenreiche huldvoll über ließ,
nach dem die Brunst mir heilig brannte,
die mich den Hurenweg den eklen stieß.
Um den ich quälend mich verblute,
um den mein Herz im Kot erstickt.
Fluchschweres Glück, kußwürdge Rute,
dass ich am Ende dich erblickt.
Du weißer Knabe, weißer Bräutigam,
wenn du nicht fliehend mich im Schlamme läßt,
sterb ich in jungfräulicher Scham.
Doch du den Liebestod der Pest.
Aus: Das Beiblatt der Bücherei Maiandros, Verlag Paul Knorr, Februar 1914
Am Strande
Wir liegen nackt und lassen uns besonnen.
Durch einen Mückenschwarm, wie feines Maschennetz gesponnen,
Flutet auf uns der Blendstrom alles Sonnenlichts
und drückt die Augen zu. Wir wollen nichts,
wir lassen das Gehirn uns kochen,
weil wir gehungert haben, lange Wochen.
Vom stillen Meer her, eintönig wie Gebet,
kommt Kühle fächelnd leiser Wind geweht.
Und neben uns liegt Zarathustra, ungelesen;
Wir lesen nicht, wir Übermenschenwesen,
und lassen Leben mit der vollen Hand.
Wir denken nichts, wir fühlen nur:
Wir sind ein Stück Natur
und nichts als Leiber auf dem heißen Sand.
In: „Lyrische Anthologie“, Verlag Die Aktion, 1913, Nr. 27
Wiecker Bote, 1913, Heft 1
Ich bin der letzte der die Straße kommt
Ich bin der letzte der die Straße kommt.
Oststurm fegt über die See
und reißt vom Himmel trübe Last.
Verschüttet liegt das Dorf im Schnee.
Mit Mühe nagt mein Schritt sich hin,
wo hart am Ende, gefahrumringt,
aus Nebel, Wolken, Flut und Wind
mein festes Haus noch dunkel winkt.
Doch ich bin da. Stolz an der Scheide
von Meer und Land ich einsam steh.
Ich bin der letzte der die Straße kommt.
Die erste Spur im jungen Schnee.
In: Wiecker Bote, 1913, Heft 6
Herbstmorgen
In leeren Straßen brennen Sterne und Laternen.
An der Ecke friert ein Polizist.
Arbeiter hämmern hart am Schienenstrang
bei Fackelfeuer. Vor ihrem Munde
steht der weiße Hauch.
Ein Herr drängt seine Balldame in den Flur.
Zwei Schatten kleben an der Tür.
Ein Obdachloser huckt am Haus und schläft.
Betrunken rülpst einer Schimpftöne
auf einen Gegner, der nicht da ist.
Ein Moralischer schmeißt seinen
Mageninhalt an die Luft.
Ein weißer Kerl klebt Zettel
an die Anschlagsäulen.
Die Huren liegen schon zu Bett.
Irgendwo (ein Bäckerjunge) pfeift.
Ich bete an die Macht der Liebe.
Tip tap tuckelt eine Droschke
zum Hauptbahnhof.
In: Die Aktion, 1914, Nr. 1
Sonnenuntergang
Die letzten weißen Wolkenflotten fliehen.
Der Tag hat ausgekämpft
über dem Meer.
Wie eine rote Blutlache liegt es,
in der das Land wie Leichen schwimmt.
Vom Himmel tropft ein Eiter, Mond.
Es wacht kein Gott.
In Höhlen ausgestochner Sternenaugen
hockt dunkler Tod.
Und ist kein Licht.
Und alles Tier schreit wie am Jüngsten Tag.
Und Menschen brechen um
am Ufer.
In: Die Aktion, 1914, Nr. 34/35
Auf die Lasker
Hängende Gärten leuchtender Blumenseelen
mit Märchentieren
unter dem blauen Gezelt
einer arabischen Nacht
voll bleich zitternder Sterne.
Duft nach Weihrauch und Myrrhe.
Ferne
und heiß heilig sacht
summen in Traumwelt
verloren lockend Verführen
blutrot klingende Lippen heimlicher Kehlen. –
Und du …
schwarzhaargleißende
jünglinggeschmeidige
nachtfackeläugige
bronzene Königin
Semiramis …
In: Die Aktion, 1913, Nr. 33
Wiecker Bote, 1913, Heft 3
Breslauer Vergnügungspark
Dichtes Gedränge
einer schaulustigen Menge.
Junge Stutzer, Klappergreise,
Schleuderware, Wucherpreise,
Kavaliere mit Einglas, Studenten mit Brillen,
Leute, die ihre leere Zeit ausfüllen,
Reiche und Bürger, Herren und Knechte,
Frisuren und Zöpfe, falsche und echte:
Das ganze Volk der Menschensippe
drängt gierig zur Vergnügungskrippe.
Dörfler, die in die Stadt herkamen,
begaffen starr die Lichtreklamen,
Mädchen mit dunklen Augenrändern
handeln lockend mit Bivatbändern.
Fahnen wallen, Farben knallen.
Schlecken, necken, kaufen, raufen,
zetern, wettern, verschwinden, finden,
fasten, mästen, wählen, stehlen.
Milchbuden mit drallen Melkerinnen,
Glücksurnen mit hohen Hauptgewinnen,
Karussel mit Äroplanen,
Teufelsräder, Liliputbahnen,
Kientopp, Kongodorf, Kaffeetränke,
Hippodrom und Bauernschänke;
Musike lärmt an hundert Stellen,
Anreißer schreien, Hunde bellen.
Was für’n Spektakel, laut und ungefüge? –
Jahrhundertfeier der Freiheitskriege.
In: Die Aktion, 1913, Nr. 29
Wiecker Bote, 1913, Heft 2
Bahnhof
Züge kommen an und fahren.
Rufen. Pfeifen. Farbsignal.
Kartenknipsen. Kofferschleppen.
Stationsvorsteher. Wartesaal.
Erster Klasse: leere Sessel.
Zweiter: Abgeordneter von Benschen.
Dritter: Fettgefressene Bürger.
Vierter Klasse: Menschen, Menschen.
Grüßen. Küssen. Händedruck.
Tränennasse Taschentücher.
Reservelieder. Abschiedsschluck.
Reiselektüre. Ullsteinbücher.
Kupeetürklappen. Rücken. Puff.
Hochstapler festgenommen. Telegramm.
Gebirge, Meer, Italien!
Ksch pff rattatam. Ksch pff rattatam.
In: Wiecker Bote, 1913, Heft 4
Literaturkaffee
Vor leeren Tischen oder Schalen braun,
lumpig und langhaarig,
klumpig geknäult und paarig.
Eben aus dem Bette. Blaß wie ein Klaun.
Wollen Sie meine Bilder ..
Sie haben von mir noch nicht ..
Sahen Sie mein Gedicht ..
Sie müssen bei mir den Stil der ..
Zeitschriften werden zerkaut.
Philosophen geschlachtet.
Mit gemalten Weibern übernachtet.
Konzerte verdaut.
Grinsende Spießer. Kurfürstendammwelt
– Renndepeschen. Telephon –
schnappen gierig jeden Ton
der vom Künstlertische abfällt.
Letzte Zigarette. Morgens.
Hängende Lider. Mürbe. Schal.
Ach, Ober, Sie borgens,
sein Sie auch mal genial.
In: Wiecker Bote, 1913, Heft 4
Gluthitze
Auf den Straßen weicht der Asphalt
und klebt an Hufen und Rädern,
alles strömt zur Volksschwimmanstalt,
die Herrschaften sind in den Bädern.
In den Trambahnen stickt man vor Schweißgeruch.
Am Tage schläft man. Nachts im Café
kriegt man nicht Speiseeis genug
und leidet ewig an Diarrhö.
Durch dünne Blusen lugen Frauenbrüste
Müde und schlaffe, straffe und junge.
Nackt hängen die Maurer im Gerüste,
den Hunden leckt die trockene Zunge.
Man ist zu keiner Arbeit bereit,
die Pferde fallen vor den Rädern,
die Dirnen haben schlechte zeit:
die Herrschaften sind in den Bädern.
In: Die Aktion, 1913, Nr.