Do
02
Dez
2010
Achim von Arnim: Auf den Tod des Malers Otto Runge
am 2. Dezember 1810
Die Tage werden kurz, die Nächte lang,
Die kranke Erd‘ erträgt nicht mehr die Lust,
Da flammt der Baum im Herbst sich unbewußt
Mit rotem Blatt – uns ward vom Wunder bang!
Weil dunkle Zeit mit diesem Glanze rang,
So kreist der Saft in sich, wird sich bewußt,
Sein neues Licht verengt ihm Herz und Brust,
Er schaut‘s im Strom, der ihn dann bald verschlang.
Er schaut, wie durch der Blätter Farbentor
Der Regenstrom des Herbstes siegend zieht
Und seufzet mit in seinem Todeschor:
»Wer sich erkannt, der hat hier ausgeblüht,
Lebt einst in Früchten, die er jetzt verlor;
Einst lebt die Kunst, die euch mein Tod erriet.«
In: Achim von Arnim, Gedichte, 1810
Mi
11
Aug
2010
Ausstellung: Die Geburt der Romantik
Das Pommersche Landesmuseum in der Hansestadt Greifswald zeigt vom 28. August bis 21. November 2010 die Ausstellung „Die Geburt der Romantik“. Bei der Kunstausstellung stehen drei bedeutende
Maler der Romantik im Mittelpunkt. Drei fast zur gleichen Zeit in Schwedisch-Pommern geborene junge Männer, die zum einhelligen Entsetzen ihrer Väter beschließen, Maler zu werden, und von der
Geburt einer neuen Kunst träumen: Caspar David Friedrich (geb. 1774) aus Greifswald, Philipp Otto Runge (geb. 1777) aus Wolgast und Friedrich August von Klinkowström (geb. 1778) aus
Ludwigsburg.
Di
13
Jul
2010
Oskar Kanehl: Am Strande
Wir liegen nackt und lassen uns besonnen.
Durch einen Mückenschwarm, wie feines Maschennetz gesponnen,
Flutet auf uns der Blendstrom alles Sonnenlichts
und drückt die Augen zu. Wir wollen nichts,
wir lassen das Gehirn uns kochen,
weil wir gehungert haben, lange Wochen.
Vom stillen Meer her, eintönig wie Gebet,
kommt Kühle fächelnd leiser Wind geweht.
Und neben uns liegt Zarathustra, ungelesen;
Wir lesen nicht, wir Übermenschenwesen,
und lassen Leben mit der vollen Hand.
Wir denken nichts, wir fühlen nur:
Wir sind ein Stück Natur
und nichts als Leiber auf dem heißen Sand.
Sa
19
Jun
2010
Kurt Tucholsky: Provinz
Wenn man eine Weile durch die Provinz trudelt, gerinnen bald die äußern Eindrücke zu einem bunten Knäuel, dessen Fäden immer wiederkommen: immer wieder ein Bahnhof, der aussieht wie eine gewaltige Stahlfabrik oder eine riesige Festung aus Stein; die Franzosen, deren Bahnhöfe Örtlichkeiten sind, die sie rasch durchschreiten, können sich gar nicht darüber beruhigen, was die Deutschen mit ihren Bahnhöfen treiben ... aber da sind sie nicht ganz im Recht – zu tadeln ist nur, was auf den deutschen Bahnhöfen fehlt: nämlich eine Apotheke und ein Postamt und ein Geschäft, das kleine Reparaturen an Koffern ausführt ... weil wir sonst keine Sorgen haben.
Fr
15
Jan
2010
Hermann Plagge: Der Student
Vom dumpfen Hieb auf Teppich und Matratze
erwacht er -- faulen Biergeschmack im Munde --
und sieht verschlafen fast die Mittagsstunde,
zehn Narben glühn ihm auf zerschlagner Fratze.
Er müht sich aus den Kissen mit gequäle,
die Wirtin bringt den Kaffee, dünn, verbittert,
die Nägel sind von altem Dreck zerknittert,
ein Brechreiz steigt ihm elend in die Kehle.
An Wänden hängen Drucke -- Ansichtskarten --
verblaßte Bänder und zerschlißne Mützen,
ein Schlägerpaar ist müd von Terz und Quarten.
Am Schreibtisch trocknen ein paar Tintenpfützen,
dort lügt er auf geliehenen alten Schwarten
Briefe an Braut und elterliche Stützen.
Wiecker Bote, 7. Heft, März 1914
Sa
09
Jan
2010
Kein Ende. Kein Anfang.
Gibt es den Wiecker Boten noch? Gab es ihn einmal?
Im letzten Jahr hat er sich jedenfalls rar gemacht, aus verschiedenen Gründen. Dass wir jetzt ein neues Jahr haben, bedeutet noch lange nicht, dass diese Gründe entfallen wären. Aber solange wir den Wiecker Boten nicht eingestellt haben, gibt es den Wiecker Boten noch. Und wir denken nicht daran, ihn einzustellen.
Vorläufig wird es an dieser Stelle ab und zu ein Lebenszeichen geben. Vielleicht hört es ja jemand.