Angelika Janz "orten vernähte alphabetien"

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116 Seiten

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Mit dem Buch „orten vernähte alphabetien“ wird uns die Autorin Angelika Janz vor allem mit Arbeiten aus den letzten Jahren präsentiert. Erreichte die Autorin vor allem durch die Mitarbeit an der Suche nach neuen literarischen Verfahren und deren Erprobung einen gewissen, wenn auch eng umgrenzten Bekanntheitsgrad, so hat sich der Schwerpunkt in der letzten Zeit etwas verlagert: „Meine Texte sind konkreter geworden“.

 

Die gewonnene stilistische Freiheit kommt in persönlicheren Texten zur Geltung. Faszinierend die Leichtigkeit, mit der die Texte oft selbst sperrige Themen aufnehmen. „Die Implodierten“ zum Beispiel ist ein Text, den man geradezu verschlingen kann, auch wenn er einen weiten Bogen von Sprachgewohnheiten von bestimmten Ostdeutschen über Mangelwirtschaft und Utopiefähigkeit bis hin zu Platon schlägt.

 

Hat man sich so auf die Autorin eingeschossen, findet man oft in den Gedichten leicht und mit Grazie etwas ausgesprochen, was man selbst höchstens stockend und in mehreren Anläufen andeuten könnte. Aber Vorsicht, man fühlt sich auch verarscht, die Grenzen zur Ironie sind fließend, ich weiß oft nicht wie's gemeint ist, ob überhaupt irgendwie gemeint wurde oder zunächst erst einmal hingeschrieben. „Mich bewegte das Zett“, was der Leser davon mitvollzieht, wird egal, alles falsche Wohlwollen, hat man das Gefühl, soll fortgeschreckt werden, die Texte wollen für sich stehen, auch gegen den Leser.

 

Die gewählten Mittel sind vielfältig. Neben Prosa gibt es fließende Texte mit Zeilenbruch (die mir im ganzen am meisten behagen), solche im Telegrammstil, Substantivkaskaden, dialogisch Montiertes und immer wieder spielt das Lautliche sein Spiel. Es entstehen sehr verschiedenartige Texte. Auffällig ist, dass Nahes und Fernes, Gesellschaftliches, Alltägliches und das Nachdenken über Sprache und andere letzte Dinge zu einem Gedankengang verschmelzen können. Die Texte streifen nicht in einem Lager exotisch duftender Dinge aus aller Herren Länder herum, sondern jeder Text findet und umspielt, so könnte man sagen, seinen eigenen Gegenstand von sehr fester Konsistenz. Dieser Gegenstand wird aus dem unsäglichen Alltag des täglichen miteinander Redens in den Bereich der Sagbarkeit gehoben, zum Teil bloßgestellt oder belacht.

 

Oft schleicht sich mir ein gewisses Unwohlsein ein. Wie in einem Zerrspiegel scheinen menschliche Fratzen auf, auch die eigene. Die Texte kommen daher wie Aussagen und sind oft ganz schön böse, aber sie erbitten nichts, fordern nichts und drohen nicht. (Oder nur selten). Was ist das - kann man denn lediglich noch übereinander hinweg reden? Will ich die schreckliche Nachricht nur nicht erhalten?

 

Wenn man die Autorenintention egal sein lässt, (wie der Leser die Texte wenig kümmert) kann man viele schlagende Formulierungen herausklauben und mit sich herumtragen „Die Sprache ist schon zugefallen...;“ „...Und sehr dahinter prosten sich / - die Sekten knallen - normüberwachte Damen zu:... ;“ „Ein Winter war/ und sie verlosten Schneeskulpturen...“ sind allein 3 Zitate aus einem Gedicht (Gedicht für die Alte aus Litauen), für die mir sofort einige Anwendungsmöglichkeiten einfallen würden, manchmal sind sogar ganze Gedichte benutzbar: „Tote Stimmen die Wilden...“; oder „Das schöne Gebrechen“ z.B. könnte man zu einigen Gelegenheiten auf den Lippen führen.


Bertram Reinecke